

ZenPuls 07/2026 – Impuls von Kathrin Stotz
«Du lauschst einem Lied. Plötzlich frage ich: ‘Wer bist du in diesem Augenblick?’ Wie wirst du diese Frage sofort und spontan beantworten, ohne nach Worten zu suchen?», fragt uns der weise Religionsphilosoph Alan Watts. Solch ganzheitliches Erfahren ist auch wissenschaftlich nicht fassbar. Jeder Versuch, die subjektive Perspektive zu definieren, reduziert uns Menschen auf ein Konstrukt. Alan Watts nennt diese Weltsicht mechanistisch und unterscheidet sie von einer organischen Sichtweise des Universums, wie sie der Daoismus entwickelt und ins Zen eingebracht habe.
Er sagt: «Ein Organismus fängt nicht als eine Ansammlung von Teilen an, sondern als mehr oder weniger einfache Struktur, die – von innen nach aussen wirkend – ihre Teile aus sich selbst heraus zusammenstellt. Ein Organismus fängt als Ganzer an und hört als Ganzer auf. Er wird nicht konstruiert. Auf merkwürdige Weise sind alle Teile genau gleichzeitig da. Es scheint keine Kontrollinstanz zu geben». Das mechanistische Menschenbild führt er auf die Idee eines Schöpfergottes zurück, die in unsere Naturauffassung unbewusst hineinwirkt. Die Natur und die Lebewesen drohen zum Artefakt zu werden, an dem man weiter herumschrauben darf. Einen Bausatz kann man kontrollieren, was uns im komplizierten Netzwerk lebendiger Wechselbeziehungen zu entlasten verspricht.
Auch gewisse frühe Formulierungen im Buddhismus suggerieren eine mechanistische Auffassung von Lebewesen, etwa wenn es um die Skandhas geht: Körper und Geist bestehen aus fünf Gruppen flüchtiger Anhäufungen (dt. für Skandhas), die im bekannten Gleichnis des buddhistischen Weisen Nagasena mit einem Wagen verglichen werden. Dieser ist zusammengesetzt aus Einzelteilen, die alle zum ersten Skandha «Form» gehören. Wir fassen die Teile mit der Benennung «Wagen» zu etwas vermeintlich Festem zusammen, so wie wir es entsprechend mit dem «Ich» tun.
Ein Wagen empfindet nicht, er wird von einem Wagenbauer zusammengefügt, derweil wir aus einer geheimnisvollen, ununterbrochenen Abfolge von Lebewesen gewachsen sind, die vor ungefähr 4 Milliarden Jahren begann – niemand weiss, wie. Ich bin geboren worden von meiner Mutter, sie von ihrer Mutter, und so fort – unzählbar. Die schwindelerregende zeitliche Tiefe des Lebens lässt mich staunen; inmitten der unergründlichen Materie ist es gewachsen, sein Singen und Lauschen lässt sich nicht künstlich erzeugen.
Bild K. Stotz © «Entstehen»
ZenPuls 07/2026 – Zen-Praxis, Lauro Carisch
„Und dann sagt der Meister sowas wie ‚Am Hang blühen die Zypressen!‘ und wenn der Mönch nicht weiss, was gemeint ist, schlägt der Meister ihn mit einem Stock!“ So erklärte mir mein Götti, der Ex-Hells Angel, was Kōan im Zen sind. Ich war da zwölf. Heute, 15 Jahre später, bin ich selbst mittendrin. Obwohl ich schon eine gute Weile Kōan löse, ist jedes neue wieder ein Gang ins Ungewisse. Anfangs dachte ich, es gehe darum, eine Pointe zu durchschauen. Doch so linear ist es (leider) nicht: Die Kōan, so scheint es mir, muss man zerbeissen, kauen und gären lassen. Bis zu dem Punkt, wo’s Klick macht: Plötzlich wird die Aussage klar und die fremdartigen Worte zu einer neuen Perspektive. Und solche Perspektiven gibt’s viele: Zahllose kreative Geister haben diese Aussagen und Geschichten geboren, und unzählige fleissige Hände ihre Poesie bis zu uns getragen. Und den Schlag mit dem Stock können wir dabei von Zeit zu Zeit bis heute noch spüren.

ZenPuls 07/2026 – Bericht von Silvia Livio
Was heisst für mich Mitgefühl? Bei wem fällt es mir schwer, Mitgefühl zu empfinden? Oder wo im Körper spüre ich es? Friederike Boissevain fordert uns auf, Fragen wie diese spontan zu beantworten. Beim Austausch in der Gruppe zeigt sich, wie vielfältig gefärbt Mitgefühl sein kann – je nachdem, auf wen es in welcher Situation ausgerichtet ist. So üben wir, unterschiedlichste Perspektiven einzunehmen, und vertiefen damit das, worüber uns zuvor die beiden Gäste des Zen-Forums vom 7. Juli 2026 zum Thema Fürsorge berichteten. Die beiden Referierenden, das Ärztepaar Friederike Juen Boissevain (Zen-Meisterin und Philosophin) sowie Harald Nanzan Schöcklmann (Zen-Meister), sind Dharma-Nachfolger von Hozan Alan Senauke in der Linie von Shunryu Suzuki Roshi. Ihre Präsenz und ihr ungewöhnlicher Werdegang haben mich zutiefst beeindruckt, ganz besonders Friederikes Aussage: „Fürsorge ist nichts, was wir auch noch tun müssen, sie ist in uns, ist unsere Muttersprache“. (Danke!) Und jedes Mal, wenn im Zusammenhang mit Mitgefühl bei mir Unbehagen auftaucht, das mich am Handeln hindert, werde ich an Harald denken.


ZenPuls 07/2026 – Kathrin Stotz
Inmitten der Rosenblüte haben wir Sensei bei einem zweitägigen Treffen das erfreuliche Wachstum unseres Zendo-Netzwerks betrachtet und nach einer aufrichtigen inneren Erkundung unseren Wunsch nach fortdauernder Gemeinschaft und gegenseitiger Unterstützung bekräftigt. Kurz nachdem unser Stammhaus seine Türen geschlossen hatte, zogen sich unsere Rōshi aus der Aktivität zurück. Die Lücke ruft uns zu vertiefter Selbständigkeit, wir stehen in einem frischen Wind und spüren das Gewicht der Verantwortung für die Zukunft der Zen-Linie.
Im Zusammensein haben wir erfahren, wie sich die anstehenden Themen im Austausch gestalten, wie die gemeinsamen Wurzeln uns tragen und unser Zen-Verständnis färben – nicht monochrom, sondern als reicher Farbklang.
Neben der Klärung angemessener Werbung und interner Organisation hat uns die gewünschte grössere Freiheit in der Art und Weise des Lehrens beschäftigt. Ein wichtiges Anliegen ist uns auch die Sangha: ihre Stärkung in den kleinen Zentren und in der Linie als Ganzem. So schauen wir freudig voraus auf ein Maha-Sangha-Treffen im Beisein aller Lehrenden im Herbst 2027.

Juni 2026 - Bericht Kathrin Stotz
Im Zen-Forum Zürich beginnt im Juli 2026 das dritte Kursjahr mit dem Thema "Handeln aus dem Augenblick – kommt das gut? Ethik und Menschenbild des Zen". In allen ausgeschriebenen Foren hat es noch freie Plätze. Ich freue mich, wenn ihr die Gelegenheit nutzt und an den Angeboten teilnehmt.
Nach den abschliessenden beiden Kursen mit zwei spannenden Gastreferenten im Oktober und November 2026 wird das Forum pausieren. Es ist der Idee entsprungen, nach der Schliessung des Lassalle-Hauses eine Brücke zu bilden, bis die einzelnen Sensei in ihren Zendo ein eigenständiges Kurswesen eingerichtet haben, allenfalls auch mit einem Angebot für ihre lokale Sangha, sich auszutauschen und Neues zu erfahren.
Über die drei Jahre werde ich 22 Foren initiiert und mehrheitlich allein organisiert haben, was mir eine grosse Freude war und ist, auch weil viel Begeisterung und Interesse von der Sangha spürbar ist. Die eigenen schöpferischen und spirituellen Quellen rufen nun nach einem Freiraum für innere Erneuerung und Wachstum.
Im Zendo Inneres Lind wird es auch in Zukunft Treffen und anregende Austauschrunden geben, manchmal auch mit Gästen, wobei von Seiten der Meditierenden Vorschläge, Wünsche und Ideen einfliessen können.
Zen-Forum Zürich, Anmeldung Kurse Sommer und Herbst 2026

Juni 2026
Seit fast zwei Jahren bemühe ich mich um den Erhalt der Rechte am Buch Mumonkan – Die torlose Schranke mit den Kommentaren von Yamada Koun Roshi. Das Lehrmittel ist vergriffen und für unsere Zen-Linie wichtig, wir wollten es deshalb selber neu auflegen, ein Anliegen, das beim Verlag in lange Warteschlaufen gekommen und schliesslich versandet ist. Nun ist der Klassiker erfreulicherweise im Kösel Verlag neu aufgelegt worden und ist im Buchhandel erhältlich.
Es gibt verschiedene andere Mumonkan-Ausgaben mit Kommentaren, etwa von Doris Zölls oder Sabine Hübner. Jedoch wird das Buch mit den Teishos von Yamada Koun, bei dem sich Pia Gyger und Niklaus Brantschen schulten, von den Weggehenden immer noch in den Dokusan-Raum getragen und nach dem Lösen der Koan mit Interesse gelesen.

12. Mai 2026
Im Zen-Forum traf sich die Sangha diesmal zur Bildbetrachtung. Wir fragten uns: Wie kommen die Künstlerinnen und Künstler in Ost und West zu ihren spontanen Äusserungen auf der Bildfläche? Was hat ihr Geisteszustand im Handeln mit Zen zu tun? Wir ergründeten schauend den Geist von Zenga (Zen-Malerei) und westlichem Action Painting und experimentierten selber mit Stift und Papier.
April 2026 - Bericht Kathrin Stotz
Wie unsere eigene Linie hat die Zen-Linie "Leere Wolke" ihre ältesten Wurzeln in der Lehre Yamada Koun Roshis – Willigis Jäger und Niklaus Brantschen sassen in der Koan-Schulung im gleichen Zendo in Kamakura, Japan. Als freundlich willkommen geheissener Gast am Kenshukai, dem fünftägigen jährlichen Lehrenden-Treffen am Benediktushof, konnte ich wertvolle Beobachtungen machen dazu, wie sich die Linie neu positioniert und weiterentwickelt hat.
In einem mehrjährigen Prozess haben die fünf Meister*innen auf der Grundlage der ältesten Lehrreden Buddhas und der chinesischen Ursprungstexte des Chan Thesen erarbeitet, wie der Kern des Zen benannt werden kann, und sie nach Überarbeitung durch die Lehrenden-Sangha zur Basis des Lehrens erklärt. Die Linie ist seit einem Jahr mit demokratischen Strukturen unterwegs: Neben der spirituellen Leitung durch die Zenmeister*innen wurden ein Linien-Rat, ein Organisationsteam und fünf Arbeitsgruppen gegründet, in denen alle Lehrenden die Thesen des ersten Bandes auf Alltagsthemen beziehen und in Zoom-Meetings gemeinsam in einen Raum des Fragens und Forschens eintreten.
Nicht wenige Lehrende sind durch die Schulung bei Willigis Jäger mit einem christlich geprägten Zen unterwegs, manche haben sich nie in buddhistische Texte vertieft. Dies führte in der Lehrenden-Sangha zu Auseinandersetzungen, wie Zen denn nun zu verstehen sei, wenn man die fernöstliche Überlieferung tiefer anschaut und würdigt. Was passiert, wenn die Ursprungstexte neu entdeckt und studiert werden? Nicht alle Lehrenden wollten sich dem öffnen, eine grössere Gruppe hat opponiert und sich aus der Linie zurückgezogen.
Für mich war es eine schöne Herausforderung und Bereicherung, das Gefäss der eigenen Linie zu verlassen und mich in der nachbarlichen Sangha auf viele Begegnungen, spannende Gespräche und ein genaues Zuhören einzulassen.

14. April 2026
Auf der kleinen Theaterbühne erschien an diesem Abend ein bezaubernder Teeraum, dessen Zubehör Mulan Sun Buschor aus ihrer Winterthurer Tee-Schule Kōshin-an (向心庵) nach Zürich mitgebracht hatte. Die Teemeisterin, Zen-Meditierende und Architektin liess uns in der japanischen Teezeremonie Zen im Alltag sinnlich und spirituell erleben.
Mulan wurde unterstützt von ihrem Tee-Kollegen Nico Colic, der selber auf diesem spirituellen Weg unterwegs ist. Gast und Gastgeberin liessen uns am harmonisch fliessenden zeremoniellen Zusammenwirken teilnehmen. So wurde "Chan (Zen) und Tee in einer Einheit" für die Zuschauenden mit allen Sinnen wahrnehmbar. Die Hingabe an die vorgegebenen Abläufe, Gesten und Rituale befreit von Selbstbezüglichkeit, sie führt zu einer Selbstvergessenheit, die auch den Kern des Zen ausmacht.
In vier Kreisen wurden wir anschliessend alle zu Gast und Gastgeber*in, indem wir einander Tee zubereiteten, zum Verkosten des feinen japanischen Gebäcks einluden, das Mulan kreiiert hat, und in den Genuss von Speise und Trank kamen. Der Zusammenhang zwischen Zen und Tee wurde von Mulan gegen Ende des Forums in einem Vortrag angedeutet, der unser Interesse für die Grundlagen des Zusammenlebens im Sinne des Chado (Teewegs) zu wecken vermochte.



März 2026
Unser fünftes Sesshin in der Casa Civetta wurde unerwartet zu einem langen Sesshin: Ausgelöst durch die grosse Nachfrage konnten wir dem ersten Sesshin nahtlos ein zweites anfügen, wobei einige Meditierende beide Sesshin besuchten. Am vertrauten Ort, in der einnehmenden Naturlandschaft des Valle Maggia, erlebten wir nach kurzer Zeit schon eine dichte klösterliche Atmosphäre. Das Haus mit seiner jahrzehntelangen meditativen Tradition wird vom Leiterehepaar Züllig der Sangha jeweils vertrauensvoll übergeben – wir sind darin ganz für uns und somit in tiefer Stille. Die Küche ist neben dem Zendo der zweite Brennpunkt der Casa Civetta – der Bauch der Eule sozusagen, von der es seinen Namen "Civetta" hat. Samu nach den Mahlzeiten bildet hier einen wichtigen Teil des Zusammenlebens und der Meditation. Den äusseren Rahmen bildeten die freundlichen Energien des Gartens mit seinen Kamelienblüten, dem Moosboden und dem Frühlingsgesang der Vögel. Kein Zen-Krampf, sondern ein vertrauensvolles Gelöstsein, das manch innere Einsicht und Öffnung schenkte.

Februar 2026
Am 5. Februar 2026 hat sich die Lehrenden-Sangha im Wettinger Rebberg Zendo zu einem intensiven Austausch getroffen. Die beiden Rōshi Niklaus Brantschen und Dieter Wartenweiler bekundeten dabei ihren Beschluss, die Führung der Zen-Linie vollumfänglich den Sensei zu übergeben. Sie ziehen sich nach Jahren des tragenden Engagements altershalber aus der operativen Leitung und der spirituellen Prägung der Zen-Linie zurück. Die Ernennung von neuen Rōshi erfolgt gemäss der alten Zen-Tradition aber weiterhin durch den Zen-Meister nach eigenem Ermessen. Niklaus, dem Gründer der Zen-Linie (zusammen mit Pia Gyger) und Dieter, seinem Nachfolger, gilt unser grosser Dank für alles Vollbrachte und für die vertrauensvolle Weitergabe!
Nach dem Beschluss des definitiven Generationenwechsels haben die acht Sensei in einem konstruktiven Brainstorming zahlreiche Ideen für die Stärkung und Belebung der Linie gesammelt. So sind etwa ein Sangha-Treffen und eine Publikation zu Geschichte und Geist der Zen-Linie angedacht. Zwei weitere Treffen in diesem Jahr werden der Intervision, der Erneuerung der Koan-Schulung, der Lehrfreiheit, verbunden mit verbindlichen Grundzügen des Zen- und Lehrverständnisses dienen.

Februar 2026
Viele junge und nicht wenige ältere Menschen sinnen in diesen Zeiten des Umbruchs und der Unsicherheit über den Sinn des Lebens nach. In der jahrhunderte alten Tradition des Sinn-Findens, als die man Zen auch bezeichnen kann, werden die Suchenden stetig auf das "Sosein" verwiesen – in vielen Koan wird es vor Augen geführt: "Schau, es ist genau dies, genau hier, vor deinen Augen!"
Sinn entsteht, wenn wir selbstvergessen eins sind mit dem vor Augen Liegenden, dem jetzt Hörbaren, Spürbaren, dem jetzt aufblitzenden Gedanken, mit dem Menschen, der gerade vor uns steht. Die Flüchtigkeit aller Phänomene ist dabei kein Hindernis, sondern der Schlüssel zum innigen Kontakt, zum nahtlosen Zusammensein. Die Aufforderung ist, sich nicht zu abstrahieren, sich nicht fernzuhalten, das Misstrauen abzulegen. "Es ist lebendig, lebendig", ruft uns Zen-Meister Joshu zu. Überall, jederzeit, da du ja lebst!

Januar 2026
Mittlerweile ist das dritte Kursjahr des Zen-Forum Zürich online, das sich dem Thema "Ethik und Menschenbild des Zen" widmet und mögliche Handlungsweisen in der Haltung des Zen beleuchtet. "Fürsorge im Zen" mit Friederike Boissevain und Harald Schöcklmann leitet die Kursreihe ein, die "Drei Grundsätze des Zen Peacemaker Ordens" werden uns von Barbara Wegmüller und Jürg Heldstab nahe gebracht, und mit dem "Social Presencing Theater" experimentiert die Sangha angeleitet von Thomas Albiez. Unter dem Titel "Das uranfängliche Angesicht" begrüssen wir im Herbst als Gastreferenten die Evolutionsforscher Carel van Schaik und Kai Michel, die aus der Tiefe der Menschheitsgeschichte unserem Verständnis des Zen eine ganz neue Perspektive geben werden.
Information und Anmeldung
Dezember 2025
Am 15. Dezember 2025 sind wir in diesem Jahr zum letzten Mal zum Zazen am Montag zusammengekommen. Um das Ende des Zendo-Jahres zu feiern und uns auszutauschen, waren alle zu einer Tasse Tee und Weihnachtsgebäck eingeladen. Im Austausch konnten wir Erfahrungen teilen, Fragen stellen und Anregungen für die Weiterentwicklung des Zendo und der Kurse einbringen.

November 2025
Bei unserem ersten Sesshin im Seminarhaus Lindenbühl in Trogen AR wurden wir von zauberhaftem Wetter begleitet: nach zwei wolkenverhangenen Tagen mit viel Neuschnee schien die Sonne bis ins Zendo und den verglasten Speisesaal hinein. Die Sangha nahm die warme Atmosphäre des alten Holzhauses mit seinem Frauenteam dankbar in sich auf. Einhellig spürten wir, wie der Herzgeist sich verdichtet – mit der Kraft der Gemeinschaft, der klaren Haltung des Zen, seinen Texten und Lehrmethoden, und der Bereitschaft, sich ganz nach Innen zu wenden im Zazen.
Das in die stille Landschaft eingesenkte Haus bietet mit seinen zwanzig Zimmern eine ideale Grösse für ein Sesshin. Keine andere Gruppe oder Aktivität stört die tiefe Stille der Schweige-Meditation. Die liebevoll gestalteten Räumlichkeiten und Mahlzeiten tragen das Ihre zu einem innerlich vertrauensvollen, einfachen Dasein bei.
Fotoimpressionen Sesshin

September 2025
Samu heisst "Arbeiten in achtsamem Gewahrsein", was eine nahtlose Fortsetzung der Zazen-Haltung beinhaltet. In den Sesshin im Lassalle-Haus wurde es von den Meditierenden als wertvolles Bindeglied zum Zen im Alltag erlebt. Auch bei den Sesshin in der Casa Civetta bildet Samu jeweils einen wichtigen Teil des Tagesprogramms: Nach den Mahlzeiten wird das übrig gebliebene Essen sorgfältig zur Lagerung vorbereitet, und das Geschirr sowie die Kochutensilien werden gereinigt. Dabei kommen die Meditierenden im Handeln in eine tiefe Verbindung und gegenseitige Wahrnehmung.
Da uns im Zendo Inneres Lind neu eine geräumige und gut ausgestattete Teeküche zur Verfügung steht, wird SAMU ein Element der eintägigen Zazenkai: Am Tagesende übernehmen alle Meditierenden eine kleine, genau definierte Arbeit im Zendo und in den Aufenthaltsräumen. Das achtsame Samu leitet wunderbar über zum Zen im Alltag!

September 2025
Unvorhergesehen sind im Zendo-Haus Räumlichkeiten im Parterre frei geworden. Es stehen den Meditierenden neu eine Teeküche, ein Aufenthaltsraum, eine Garderobe und ein zweites stilles Örtchen zur Verfügung.
Dies schenkt dem Zendo im Dach eine willkommene Veränderung – es wird zum Raum der Stille. Der Austausch am Beginn der Kurse und das Dokusan (Einzelgespräch) finden im Erdgeschoss statt, die dichte Zendo-Atmosphäre vertieft sich durch die räumliche Trennung. Zudem können mehr Meditierende in die Zazenkai aufgenommen werden.



September 2025
Vom 25. bis 28. September 2025 fand im Landguet Riet bei Bern die Zen-Tagung unserer Linie statt, die von zahlreichen Interessierten besucht wurde. Geleitet von Peter Widmer, Ursula Popp und Jürgen Lembke bot die Zusammenkunft ein reiches Programm an Vorträgen und Workshops und wurde umrahmt von der Musik der Flötistin Silvia Berchtold. Gert Scobel, Nicole Baden, Christian Dillo, Angela Geissler, Manfred Rosen, Almut-Barbara Renger, und Thomas Metzinger erläuterten ihre Thesen zu "Zen und die Zukunft".
Tagungs-Webseite

September 2025
Im Zendo Inneres Lind in Winterthur fanden am 21. September Interessierte zusammen, die an der ganztägigen Zen-Einführung teilnahmen. In einem dichten Tagesprogramm wurden sie vertraut gemacht mit den Grundlagen des Zen-Buddhismus, dem Rahmen und den Angeboten der Zen-Linie, der Psychodynamik des Zen-Wegs und den Ritualen, Sutren und Abläufen, wie sie auch in unseren längeren Kursen gepflegt wurden. Die neu ans Zen herangeführten Menschen werden anschliessend in verschiedenen Zendo der Linie am Zazen unter der Woche teilnehmen, und sie haben auch die Voraussetzung, an Sesshin und Zazenkai mit dabei zu sein. Schön zu sehen war, dass alle Generationen sich begeistern lassen von Zen: junge Menschen in Ausbildung, die mittlere Generation, welche in Beruf und Familie gefordert ist, und die Generation am Übergang zur zweiten Lebenshälfte.

September 2025
Unübersehbar breit ist das Angebot an Online-Kursen und You-Tube-Videos auch im Zen. Einige Meditierende erzählen im Dokusan (Einzelgespräch), wo sie überall teilgenommen, was sie alles gehört und mitbekommen haben. Der eher raue chinesische Zen-Meister Obaku hat seine Mönche als "Tresterfresser" bezeichnet, die niemals ihr "Jetzt" erleben, wenn sie das Land nach Zen-Lehrenden durchforsten würden. Es gibt Zen, aber keine Zen-Lehrer, erklärte er dem nachfragenden Schüler. Zen lebt von der eigenen Erfahrung, auch das Dokusan entfaltet seine Kraft durch die absolute Präsenz – da geschieht im besten Fall keine Begegnung, sondern die Erfahrung des unmittelbaren "Nicht-Zwei". Obakus Koan können wir als Einladung nehmen, an analogen Kursen teilzunehmen, "wirklich" da zu sein, auch wenn die online-Formate eine Ergänzung und für Fernwohnende sinnvoll sein mögen.
Im Zendo Inneres Lind gestalten wir den Beginn des Dokusan neu:
Wenn du dich dem Dokusan-Raum näherst, wirst du mit die Glocke der Sensei eingeladen, du anwortest mit zwei Schlägen des kleinen Hämmerchens auf die Tempelglocke (Hansho) und trittst ein. Wir begrüssen uns mit Gassho an der Tür bzw. im Sitzen. Dieses schöne Ritual übernehmen wir aus den Sesshin, wo der Hansho im Warteraum steht. Es unterstützt die wache Präsenz, welche in der Begegnung im Dokusan ein zentrales Element ist.

September 2025
Am 2. September 2025 fand im Zendo ein Assistenz-Treffen statt. Kathrin führte aus, dass die Meditierenden, welche beim Montag-Zazen, den Zazenkai und Sesshin assistieren, viel zum Zen-Geist, zur Atmosphäre im Zendo und zum Zusammenhalt der Sangha beitragen. Ohne ihre Präsenz wären die Kurse und das Dokusan nicht möglich.
Beim Assistenz-Treffen tauschten wir uns aus, übten die Rituale und lernten zwei neue Instrumente kennen: die Wolkenplatte (Unpan), welche die Mahlzeiten bei den Zazenkai und Sesshin ankündigt, und die Tempelglocke (Hansho), welche das Dokusan begleitet.

August 2025
Der zweite Newsletter der Zen-Linie ist erschienen, wobei Kathrin Stotz diesmal die Redaktion innehatte. Mit Beiträgen von Mitgliedern der Sangha Zendo Inneres Lind.
Der ZENPULS wird achtmal pro Jahr versandt, wobei jede/jeder Sensei einmal die Verantwortung übernimmt.
Newsletter abonnieren
Dhyana
Beitrag im ZenPuls 08/2025 von Kathrin Stotz
Dhyana (Chan, Zen) bezeichnet einen Zustand der Versenkung. Beim Zazen sind wir in die momentane Wirklichkeit versunken. Wo waren wir vorher, wo sind wir normalerweise? Wir stecken in Geschichten fest, in einer virtuellen Realität. Erzählungen scheinen uns Halt zu geben, sie definieren uns und die Welt – und grenzen uns gleichzeitig ab. Versenkung ist ein Nicht-Tun. Die Grenzenlosigkeit ist bereits da: immer schon sind wir versunken in der Wirklichkeit, vollkommen eins mit ihr. Wir glauben nur, darüber zu schweben.
Seit einigen Jahren werden mystische Erfahrungen wissenschaftlich erforscht. Die Ergebnisse sollen den Wert und das Glückspotenzial der Meditation belegen und den Erfolg der Zugangswege vergleichen. Kann es sein, dass sich die Messinstrumente und der sprachliche Zugriff dabei in sich selber spiegeln? Bei den Untersuchungen werden Hirnaktivitäten sowie neue Verknüpfungen im Gehirn aufgezeichnet oder sprachliche Wiedergaben von Erfahrungen analysiert und ausgewertet. Auch Sprache ist aber lediglich eine Übersetzung von etwas Vergangenem. In der Selbstvergessenheit der unmittelbaren Gegenwart gibt es keine Erfahrung. Letztere ist bereits ein Narrativ und damit ein Nachvollzug in einem anderen Medium. Zusammen mit der Sprache entsteht eine Ich-Struktur: «Ich» habe «etwas» erfahren (also bin ich). Die innige Subjektivität empfindender Lebewesen ist ein Mysterium, auf das es keinen Zugriff gibt, weder mit Sprache noch mit Hirnscans. «Das Wesen dieses einen Soseins ist ein Geheimnis», sagt Seng-t’san. Dhyana, die Versenkung hier und jetzt, hat kein Aussen. Jede Aussenperspektive ist eine Spaltung, es gibt dann eine Messende und das Gemessene, Subjekt und Objekt, und nicht selten damit verbunden das Ziel der Ich-Veredelung.
Einheit allerdings – das übersehen Meditierende oft – ist immer. Auch in unangenehmen Zuständen, ausserhalb der Praxis, auch bei Vermessungen. Dhyana vollzieht sich in Leere, und diese ist nach dem Herzsutra «aller Dinge Kennzeichen». Damit öffnet sich die Sicht auf den grenzfreien Austausch im Zen, zwischen Generationen, Kulturen, uns und der Welt.
Grenzenlose Heimat
Beitrag im ZenPuls 08/2025 von Mulan Sun Buschor
In einem Zen-buddhistischen Tempelviertel in China bin ich bei meinen Grosseltern aufgewachsen. Jeden Morgen weckte mich der Gong des Dabei-Yuan-Tempels. Über unserem Teetisch hing eine Kalligrafie: Chan und Tee in einer Einheit. Ein einfaches Wort, doch seine Tiefe begann ich erst vier Jahrzehnte später wirklich zu begreifen. 2005 führte mich mein Weg in die Schweiz, zum Architekturstudium an der ETH Zürich. Ich stellte mir oft die Frage: Wozu baue ich? Wie kann materielle Architektur immaterielle, spirituelle Räume erschaffen? Durch die Gestaltung und Realisierung von Teeräumen fand ich erste Antworten. 2014 begann ich bei Soyu Mukai Sensei den japanischen Teeweg (Chado) zu lernen, und 2024 erhielt ich den Teemeistertitel der Urasenke-Schule sowie meinen Tee-Namen Sōbō. Heute unterrichte ich neben meinem Beruf als Architektin und Architekturdozentin auch die Teezeremonie. Doch meine Reise in der Einheit von Chan und Tee geht weiter. 2024 fand ich endlich den Ort, den ich lange gesucht hatte – nur 200 Meter von meinem Zuhause in Winterthur entfernt: bei Kathrin Stotz Sensei im Zendo Inneres Lind. Ich sitze wieder wie im Haus meiner Grosseltern, doch fühle mich wie neugeboren, rieche das Räucherstäbchen, höre den Gong, bete vor dem Buddha.
“Man fragt sich, ob es im Süden nicht schön sein kann, aber ich sage: Wo das Herz Frieden findet, da ist meine Heimat.” Chinesischer Dichter Su Shi (1037-1101)

August 2025
Hongzhi Zhengjue – Das Kultivieren des Leeren Feldes
Praxisanleitungen zur Schweigenden Erleuchtung
Edition Steinrich, Berlin 2025

Zen-Meister Hongzhi Zhengjue (jap. Wanshi Shogaku) ist einer der grossen Vorläufer Meister Dogens in der Linie des Soto-Zen und der Herausgeber der Koan-Sammlung Shoyoroku. In seinen Praxisanleitungen hat er die grundlegenden Prinzipien des absichtslosen stillen Sitzens in Zazen klar und inspirierend dargelegt. Seine poetischen Texte wachsen jeder und jedem Weg-Gehenden ans Herz.
April 2025

Programm
Texte der Lyrik-Lesung

Die mit Kathrin Stotz befreundeten Sensei Friederike Juen Boissevain und Harald Nanzan Schöcklmann von der Wind & Wolken Sangha in Norddeutschland haben uns auch dieses Jahr mit ihrem Besuch im Zendo Inneres Lind beschenkt. Gemeinsam sind wir in Zazen gesessen und kamen anschliessend ins Gespräch. Friederike und Harald erzählten von ihrem spirituellen Werdegang und fragten die Sangha nach ihrer Definition von Spiritualität, ihrer Verortung und ihrem Ursprung im eigenen Leben. Wie passiert es, dass die ursprüngliche Einheit des neugeborenen Kindes durch unsere Denktätigkeit mit der Zeit vergessen geht? Wie können wir zum ersehnten Nichtzwei zurückkehren, Form und Leere als identisch erleben? Erzählungen von zentralen Lebensthemen, Traumata, Sehnsüchten und der durch das Zen gewonnenen Freiheit liessen uns alle die tiefe Verbundenheit im Dharma spüren.
In der von Dogen geprägten Praxis des Soto-Zen in der Nachfolge von Shunryu Suzuki nimmt die Verkörperung der Zen-Haltung im Zazen einen zentralen Platz ein. Harald und Friederike wiesen auf die immer neue Übung des offenen Gewahrseins hin, welche das Gefängnis des Ich öffnet, in dem wir oft nicht ungern verweilen. Auch wenn wir unter der Trennung vom Ganzen leiden, fürchten wir uns auch gleichzeitig vor dem Sprung in die Grenzenlosigkeit.

Dezember 2023
Zazen, Impulsvortrag, Workshop mit Kreisgespräch: "Lebendiger Zen-Alltag", auf der Basis einer Zen-Geschichte, gemeinsames Mittagessen, Austausch im Plenum
Dezember 2022
Bildbetrachtung östlicher und westlicher Malerei
Nachklang: Bildmeditationen

8. bis 11. September 2022, Lassalle-Haus
mit Abt Muho, Doris Zölls, Friederike Boissevain, Vanja Palmers und Paul Morgan-Somers
Link zum Bericht mit Videos